Seide 1
von Alessandro Baricco
Ich habe zur Abwechslung mal ein Buch eines nicht-französischen Schriftstellers gelesen und war sehr angetan. Zufälligerweise spielt es in Frankreich.
Es war neulich nachts, als ich vor der Indonesischklausur nicht schlafen konnte. Weil mich das Buch dann so gefesselt hatte, musste ich es in einem Zug fertig lesen. Wirklich schade, dass der Genuß so kurz war. Ich denke, ich werde es nochmal lesen.
Das Buch wurde mir voreineinhalb Jahren von einem Bekannten in England empfohlen. Nachdem er so geschwärmt hatte, wundere ich mich wirklich, wieso ich es erst jetzt gekauft habe.
Ich glaube ich kann verstehen, warum das sein Lieblingsbuch ist. Es ist sehr speziell geschrieben. Leider fällt es mir sehr schwer, zu beschreiben, was ich mit speziell meine. Vielleicht ergibt sich das Spezielle aus den kurzen Kapiteln, die manchmal einfach so enden: “So einer war er.”
Zwei der Sätze die mir am meisten im Gedächtnis blieben:
“Er war übrigens einer jener Menschen, die dem eigenen Leben gerne beiwohnen, während sie jegliches Bestreben, es zu leben, für unangebracht halten. Man wird bemerkt haben, dass diese Menschen ihr Schicksal betrachten, wie die meisten für gewöhnlich einen Regentag betrachten.”
Einmal glaubt man, dass Hervé Joncour es doch nicht mehr einfach hinnimmt. Er macht einmal etwas für ihn sehr ungewöhnliches, er entscheidet selbst. Aber leider nimmt er sein Schicksal am Ende doch hin und das Glück ist damit für ihn unerreichbar.
Ein wirklich schönes Buch, aber sehr traurig. Man hat geradezu den Drang in die Geschichte hineinzuspringen und zu versuchen diesen Mann leben zu lassen.
Er hat leider nie erfahren, wer sie eigentlich ist, die sein Glück bedeuten könnte. Die ganze Zeit über fragt man sich nichts anderes. Ich habe es leider auch nicht erfahren.
Wer es jetzt nicht mehr aushalten kann und das Buch sofort bestellen muss, kann das hier tun: (Einfach auf den Link klicken!)

Update 12.07.07:
Nachdem ich ein sehr gutes Gespräch mit Detlef geführt habe, der das Buch zwar nicht gelesen, jedoch das Stück im Theater gesehen hatte, wurde mir klar, dass ich mich zu sehr auf die Seite des Mannes gestellt habe. Er tut mir leid, obwohl er seine Ehefrau betrogen hat. Dabei ist ihr Schicksal noch tragischer als seines. Sie liebte ihn aufopferungsvoll. Eine Liebe, die gab, aber nichts dafür zurückbekam. Aber er nahm sie kaum wahr. Nahm nicht den Schatz war, den er in ihr hatte. “Sie war eine hochgewachsene Frau, bewegte sich langsam und hatte langes schwarzes Haar, das sie nie hochsteckte. Sie hatte eine wunderschöne Stimme.”
Mit jeder seiner Reisen muss sie feststellen, dass er sich nicht nur räumlich, sondern auch emotional von ihr weiter entfernte.
Das Glück, hätte für ihn so nahe sein können, wenn er seine Liebe nicht für die unerreichbare Fremde aufgebracht hätte, sondern für die Frau, die ihm all ihre Liebe schenkte.
Er lebte sein Leben aber nicht mit dieser Frau. Sie war nur eine Begleiterscheinung seines dahingenommenen Schicksals.
Aber kann man jemandem vorwerfen, nicht zu lieben? Kann man es ihm zum Vorwurf machen, dass er seine Frau nicht liebte? “Man kann Liebe nicht erzwingen”, könnte man argumentieren.
Aber ist Liebe nicht auch eine bewusste Entscheidung? Eine gebende Liebe, so wie seine Frau sie ihm entgegenbringt, entsteht doch nicht nur durch Gefühlsregungen.
Vielleicht kann man ihn des Egoismus beschuldigen. Des Egoismus sich nur um sich selbst zu drehen, seine Frau nicht wahrzunehmen und ihre Bedürfnisse. Um seinem Ziel nahe zu kommen, nahm er sogar in Kauf, dass seine ganze Stadt zu Grunde gehen konnte. Was scherte ihn da schon seine Frau?









Ich habe auch das Theaterstück zum Buch Seide gelesen, kenne aber das Buch nicht. Deswegen weiß ich auch leider nicht, ob das Theaterstück - vllt auch absichtlich - den Mann etwas anders dargestellt hat. Im Stück allerdings war es fast unmöglich auf seiner Seite zu stehen. Er wurde als sehr egoistischer Mann dargestellt: er hat den Tod, das Leid und die Entehrung anderer in Kauf genommen um seine eigenen Ziele zu erreichen.